Das unsichtbare Orchester

Er dirigierte ein ganzes Orchester. Mit geradem Rücken sitzend, die Augen geschlossen, ließ er die Musik anschwellen, seine Gedanken durchdringen, umfließen, sie fortspülen, bis nichts blieb außer den Höhen und Tiefen der Klänge in seinem Kopf. Und als er ganz und gar in ihnen verloren war, hob er langsam, ganz vorsichtig, die Hände und begann, im Takt auf seine Oberschenkel zu trommeln. Zuerst leise und vorsichtig, während er sich mit den Tönen vertraut machte, dann immer energischer, lauter. Die ersten Fahrgäste drehten sich zu ihm um, reckten neugierig die Hälse oder blickten verwirrt von den Seiten der Bücher auf, mit denen sie sich die Fahrtzeit zu vertreiben versuchten, durch das rhythmische Klopfen seiner Hände aus ihren Fantasiewelten gerissen.

Aber die Augen des alten Mannes blieben geschlossen, er bemerkte die Anderen nicht. Er war ebenfalls gefangen in seiner eigenen Welt, einer Welt, zu der ihm Bücher, Worte, geschriebene Geschichten nie eine Tür hatten öffnen können.
Der Zug hielt an, Türen öffneten sich quietschend, aber die Störgeräusche drangen nicht bis zu ihm durch. Fahrgäste stiegen aus, neue stiegen zu und beäugten ihn kritisch, als sie an ihm vorbeigingen, um sich auf die Suche nach einem Sitzplatz zu machen. Viele belächelten ihn, andere hielten ihn für dement. Einige hatten Mitleid mit ihm, weil sie ihn für einen sonderbaren Mann hielten, nicht bei Sinnen, vielleicht verrückt geworden durch die  Einsamkeit des Alters und die mangelnde Gesellschaft anderer Menschen.

Faszinierend, auf welche Gedanken die Menschen in ihrem Willen kommen, das Schlechte und Traurige in der Welt zu sehen. Kein Einziger kam auf die Idee, der Mann könne glücklich sein.

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