Sommerregen

An Tagen wie diesem lebten wir das Leben wie einen Traum.
Draußen, vor den großen Fenstern, fiel der Regen in schweren, dunklen Tropfen und der Wind zerwühlte die Blätter der Bäume am Straßenrand wie ein wütendes Tier.
An diesen Tagen öffnete Helena die Fenster weit, während ich heiße Schokolade kochte, und dann saßen wir gemeinsam auf dem großen Bett, das wir uns Jahr für Jahr, Sommer für Sommer, teilten. Wir saßen uns gegenüber, ich am Kopfende, sie am Fuß des Bettes, jede eine dampfende Tasse Kakao in der Hand, jede in eine besonders weiche Decke gehüllt, und genossen das Plätschern des Regens, das mal friedlich, mal wild vom Wind durch das geöffnete Fenster hineingeweht wurde.
Es waren in jedem Jahr die schönsten Tage unseres Sommers.
Es gab auch Sonnentage, Tage, an denen Licht durch das Blätterdach der Wälder tanzte, goldene Muster und grauen Schatten auf den Erdboden zeichnete. Wenn man sich dann zur Sonne drehte, die Augen schloss und den Kopf in den Nacken legte, fühlte sich jeder Sonnenstrahl an wie ein sehr feiner Pinsel, der einem kleine Sommersprossen auf die Wangenknochen malte. Solche Tage waren hübsch und friedlich. Angenehm, aber ohne Herausforderung. Der Regen hat Charakter, sagte Hel zu mir, immer wieder und seit wir Kinder waren. Seit sie begonnen hatte, Bücher zu lesen, die viel zu gewaltig für ein so kleines Wesen zu sein schienen, und ihr Worte wie Charakter und subtil beibrachten, um die ich sie jahrelang beneidete. Wenn sie das sagte, stellte ich mir einen Regen vor, der sprechen, schreien und rufen und manchmal vor Wut toben konnte. Das war unser Regen, ein Regen mit Charakter.
Wenn wir so dasaßen, auf der geblümten Tagesdecke, war es, als hätte der Sturm draußen uns die Erlaubnis erteilt, den Tag auf genau diese Weise verstreichen zu lassen, uns gemeinsam mit einem Buch an das geöffnete Fenster zu setzen, den Duft von Regen und Schokolade in der Nase. Uns gegenseitig vorzulesen, wenn uns etwas gefiel, uns zu unterhalten oder einfach hinauszublicken in die graue Welt, die wir beide auf eine seltsame Weise schön fanden.
Was diese Tage ausmachte war nicht das Wissen um die Bücher, die mich auf dem Nachttisch gestapelt erwarteten. Es war auch nicht das Gefühl des warmen, süßen Getränks in meinem Mund. Es war die abgöttische Liebe, die ich für meine Schwester empfand und die Wärme, die von ihr selbst ausging. Die Faszination, wenn ich sah, wie sie den Blick von ihrem Buch hob und aus dem Fenster schaute, über etwas nachdachte und dann einen der Sätze sagte, über die ich mir danach stundenlang den Kopf zerbrechen konnte, während ich die Schönheit im Grau eines verregneten Sommertages sah.

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