Tagebuch eines Wartenden

Der Kaffee in der kleinen, filigranen Tasse vor mir auf dem Tisch war von einem tiefen Schwarz. Ich nahm das Milchkännchen in die eine, den Kaffeelöffel in die andere Hand, beides ebenso zart und zerbrechlich wie die Tasse, und rührte Milch in das Getränk, bis es die Farbe von flüssigem Karamell hatte. Die gleiche Farbe wie jeden Morgen. Dann lehnte ich mich zurück und wartete.
Sie kam nicht. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war, hatte ich es gewusst. Ich wusste es seit Monaten. Immer, wenn ich herkam. Und trotzdem saß ich immer wieder hier, jeden Morgen. Saß in der Sonne zwischen all diesen zufriedenen Menschen an dem winzigsten Tisch vor dem kleinsten Café in der Straße mit den Tassen, die so viel besser in ihre schlanken, blassen Hände gepasst hatten, als in meine breiten Pranken, und wartete.
Man hätte meinen können, es würde langweilig. Aber das wurde es nicht. Jeden Tag redete ich mir ein, davon überzeugt zu sein, sie würde kommen. An keinem war ich es tatsächlich und an keinem kam sie. Doch immer wieder saß ich da und das Herz schlug mir bis zum Hals und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als sie zu sehen. Gleichzeitig war es meine größte Angst, dass sie auftauchen könnte. Ich hätte nicht gewusst, was ich sagen sollte, trotz all der Stunden, die ich mich darauf vorbereitet hatte.
Was wirst du tun, wenn du sie wiedersiehst? Diese Frage verfolgte mich, doch welche Antwort ich gab, war eigentlich nicht wichtig. Denn die Wahrheit war, dass ich sie nicht wiedersehen würde. Und dass ich sie nicht loslassen konnte.
Ich handle nicht unüberlegt. Ich denke immer über das nach, was ich tue. Das bedeutet nicht, dass ich die richtigen Entscheidungen treffe oder auch nur denke, es zu tun. Ich weiß sehr genau, dass es falsch ist, sich Morgen für Morgen in dasselbe Café zu setzen, Morgen für Morgen zu hoffen, ein Wunder möge geschehen. Ein Wunder, welches nicht einmal ein Wunder wäre, denn was würde es schon bedeuten? Es wäre mein Untergang, würde sie zurückkommen. Das alles weiß ich an jedem einzelnen Tag. Und ich schäme mich dafür, wie schwach ich bin. Ich erzähle niemandem, was ich zwischen halb acht und halb neun vorhabe. Ich betrachte mein Handeln von außen und denke: „Wer ist dieser Idiot, der jeden Morgen auf dasselbe Mädchen wartet, das Mädchen, das im Gegensatz zu ihm sein Leben weiterlebt und nie, niemals, auftauchen wird?“. Aber dass ich das denke, bedeutet eben nicht, dass ich in der Lage bin, es zu ändern. Wenn ich nicht hingehe, dann weiß sie nicht mehr, wo sie mich finden kann. Es war der einzige Ort, der einzige Fixpunkt in unserem Leben aus Chaos und Konfetti. Wenn sie mich irgendwann braucht, bin ich hier. Und warte.

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