Vor dem Spiegel

Nachdem du gegangen bist, stehe ich vor dem Badezimmerspiegel, die Hände auf das Waschbecken gestützt. Lange sehe ich in meine eigenen Augen, die unerbittlich aus dem glatten Glas zurückstarren. Ich bin wütend, das versuche ich meinem Spiegelbild stumm entgegen zu schreien. Aus meinem Mund kann kein Ton kommen. Wütend. Wütend.

Ich will Antworten von dem Mädchen im Spiegel. Auf die Frage, warum es so dumm gewesen ist. Auf die Frage, wie es möglich ist, dass es sich so sehr dafür schämt, glücklich gewesen zu sein. Warum es auf sich selbst wütend ist, anstatt auf dich. Ich will auch wissen, wie sich vermissen anfühlt. Worauf ich mich einstellen muss.

Doch anstelle der Antworten, die ich brauche, sehe ich nur den Vorwurf im kalten, unnachgiebigen Blick meines Gegenübers. Von Sekunde zu Sekunde starre ich verbissener in die hellbraunen Iris im Glas. Ich blinzele nicht, bis meine Augen brennen und zu tränen beginnen. Weil sie trocken und müde sind, nicht aus Traurigkeit. Denn die fühlt sich in diesem Moment nicht nach weinen an. Eher, als hätte ich Fieber. Lähmendes, betäubendes Fieber.

Als ich meinen eigenen verurteilenden Blick nicht mehr ertragen kann, mache ich die Augen zu.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, oberhalb meines Zopfgummis die Küchenschere anzusetzen und zu schneiden, Haar für Haar, Strähne für Strähne. Ich müsste die Schere mit aller Kraft zusammendrücken, sie wäre ein bisschen zu stumpf für meine Haare. Ich bekäme Druckstellen, rote Kreise an den Stellen, an denen die Haut zwischen dem Plastikgriff der Schere und meinen Fingergelenken dünn ist. Irgendwann müsste ich einzelne Haare mehr durchreißen als schneiden, einige Haarsträhnen zöge ich dabei weiter aus dem Zopfband heraus als andere. Am Ende wären hier und da Strähnen zu lang, an anderen Stellen welche zu kurz. Das Ergebnis zackig und unordentlich.

Wenn ich fertig wäre, würde mir niemand mehr sagen, ich solle meinen Zopf lösen, denn mit offenen Haaren sähe ich hübscher aus. Und sie würden mich nicht mehr im Gesicht und an den Schultern neben den Trägern meines weißen Tops kitzeln. Bei der Vorstellung, sie mir zurückzustreichen oder zu kämmen, wäre mir nicht mehr übel.

Ich öffne die Augen. Im Waschbecken liegen dünne braune Haare. Wie ein Spinnennetz auf dem weißen Lack. In meiner rechten Hand halte ich eine Schere, in der linken meinen abgetrennten Zopf. Langsam lösen sich mehr und mehr Haare aus dem Griff des Gummibandes, rieseln zu Boden, bleiben neben meinen Füßen liegen. Ich stehe ganz still zwischen all diesen hellbraunen Fäden. Schließlich, nachdem ich lange so dagestanden habe, lege ich die Schere weg und gehe in die Knie. Vorsichtig  fahre ich mit den Fingerspitzen über die weiche Schicht auf den Fliesen. Was da auf dem Boden liegt, gehört nicht mehr zu mir. Was du schön gefunden hast, gehört nicht mehr zu mir. Das ist gut so, aber jetzt weine ich.

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