Was vom Tage übrig blieb – Kazuo Ishiguro

Was vom Tage übrig blieb, Kazuo Ishiguro

Stevens ist Butler. Er fügt sich in die Diener-Rolle, für die er erzogen wurde. In dem Roman Was vom Tage übrig blieb erzählt Kazuo Ishiguro die Geschichte eines Mannes, für den Würde gleichbedeutend ist mit Funktionieren. Dessen Tugenden Loyalität, Haltung und Beherrschtheit sind. Und der mit dem Ende einer Ära kämpft, in der er mehr war als das traditionell englische Inventar eines Herrenhauses.

Im Juli 1956 tritt Stevens nach langen Dienstjahren eine Reise an. Vom Anwesen Darlington Hall in Oxfordshire fährt er nach Cornwall. Er ist auf dem Weg zu Miss Kenton, die früher, in den 20er und 30er Jahren, Haushälterin in Darlington Hall war. Auf seiner Reise erinnert Stevens sich. An eine Liebe, von der er nie wusste, dass er sie empfand und an eine Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als wichtige Persönlichkeiten in Darlington Hall ein und aus gingen.

Poliertes Silber

In all diesen Erinnerungen legt Stevens seine mentale Livree nie ab. Selbst dann, wenn eine Situation förmlich nach Emotionen und Menschlichkeit schreit. Er bleibt der perfekte Diener, für Heftigkeit oder Liebe ist in seinem Alltag weder Platz, noch hat er gelernt, wie sie funktionieren. Sein Leben bestimmt die Überzeugtheit von seiner Rolle als Butler, wie schon das Leben seines Vaters zuvor.

Gewiss deutete doch damals nichts darauf hin, dass solch offenkundig geringfügige Zwischenfälle ganze Träume für immer unerfüllbar machen würden.

Kazuo Ishiguro, Was von Tage übrig blieb, S.214

Was vom Tage übrig blieb ist auf eine Art, die ebenso beherrscht ist wie seine Hauptfigur, schmerzhaft. Und genau darin liegt für mich als Leserin die Genialität dieses Buches. Es ist paradox: Stevens Fügung bringt den Leser zur Verzweiflung. Aber immer ruhig, immer ordentlich, immer mit geradem Rücken und gestärktem Hemd. Wenn eine persönliche Tragödie naht, ist das Silber auf dem Tisch des Dienstherren trotzdem immer poliert.

Was bleibt übrig, wenn der Tag zu Ende geht?

Stevens kämpft, oft unbewusst, mit seinen eigenen Fehlern und Fehlentscheidungen auf der einen Seite. Und mit denen seines politisch fehlgeleiteten Dienstherren, Lord Darlington, auf der anderen. Die Weltpolitik spitzt sich zu und steuert geradewegs auf den Zweiten Weltkrieg zu. Deutsche Politiker tauchen in Stevens‘ Erinnerungen auf, französische und amerikanische. Doch ihre hochtrabenden Diskussionen verblassen mindestens einmal gegen die Fehler, die Stevens gegenüber Miss Kenton macht. Nicht Zigarre rauchende Politiker in den Salons scheinen die Welt verändern zu können, sondern die einfachen Menschen im Stockwerk darunter. Mit ein bisschen Offenheit, ein bisschen Ehrlichkeit über die eigenen Gefühle. Beides bleibt aus.

Was vom Tage übrig blieb Kazuo Ishiguro

Man kann nicht ewig darüber nachsinnen, was hätte gewesen sein können.

Kazuo Ishiguro, Was von Tage übrig blieb, S. 281

Lange hat mich kein Buch mehr so begeistert, so sehr zum Nachdenken gebracht. Denn es stellt Fragen, die sich viele Menschen irgendwann stellen müssen: Was bleibt wirklich übrig, wenn man am Ende auf das eigene Leben zurückblickt? Wie viele Menschen können sagen: „Ja, ich hatte alles, was ich gewollt habe und habe auch immer gewusst, dass ich es wollte“? Was macht einen Menschen gut, was schlecht? Was ist Charakterstärke, was -schwäche? Und inwieweit kann beides überhaupt eine Entschuldigung für falsches Handeln sein?

„Die Sache ist natürlich die“, sagte ich nach einer Weile, „dass ich Lord Darlington mein Bestes gegeben habe. Ich gab ihm das Beste, das ich zu geben hatte, und jetzt — nun, jetzt sehe ich, dass nicht mehr viel übrig ist, was ich noch geben kann.“

Kazuo Ishiguro, Was von Tage übrig blieb, S.285
The Fountains of Silence

Read my review of „The Fountains of Silence“ by Ruta Sepetys here .

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